Leben auf Asphalt und Staub

(Wie ich zum Fahrradfahren kam)

Vorgeschichte

Schon als kleiner Junge, im Alter von fünf oder sechs Jahren, fand ich Rennradfahren faszinierend, ich sah Olaf Ludwig im TV und die Bilder zogen mich in ihren Bann. Mein Wunsch zu dieser Zeit war, mit dem Fahrrad die gesamte Küste von Europa abzufahren oder das was ich mir mit meinem Wissenshorizont darunter vorstellte. In meinem Kopf stand fest, dass man nicht einfach einen Strand oder gar das Meer absperren könne. Von der nicht vorhandenen Reisefreiheit der Bürger der DDR wusste ich zu diesem Zeitpunkt gar nichts. Ein Albtraum begleitete mich jedoch immer wieder: dass ich mit meinem Fahrrad die Brücke zwischen Usedom und Wolgast herunterfalle und sterbe. In dieser Zeit lag ich häufiger im Krankenhaus, weil mit meiner Verdauung etwas nicht stimmte (was sich bis zum heutigen Tag nicht geändert hat) und musste dort viele Untersuchungen über mich ergehen lassen. Einige Krankenschwestern waren nicht sonderlich zimperlich. Als die Diagnose Zöliakie feststand, wurde die Ernährung umgestellt. Dann kam die Wende. Meine Eltern trennten sich, für meine Schwester, meine Mutter und mich ging es gen Westen, an die Nordsee. Dort gab es auch Fahrräder, wir sind mit Freunden die Straße rauf und runter gefahren. Mal so schnell die Beine treten konnten, mal recht langsam. Selbst das BMX haben wir ausprobiert, haben uns Rampen gebaut und Springen geübt. Fahrradtouren gab es im familiären Rahmen, auch wenn der nicht der beste war. Das Fahrrad war hier und da auch nur Mittel zum Zweck, um zum Tennistraining zu kommen oder zur Schule.

Irgendwo dazwischen

1999 ging es für uns drei nach Cottbus, da meine Mutter hier eine Arbeit gefunden hatte. Ich hatte ein paar Freunde, es gab ein paar kleinere Radtouren, wobei eine Strecke um die 80km mich schon auf eine Probe stellten. Das Material war auch nicht optimal, aber es war faszinierend, die Stadt hinter sich zu lassen, mit Freunden in die Pedale zu treten und zu gucken, wo man landet. Als meine Ausbildung 2005 begann, war das Fahrrad die einzige Möglichkeit, um zur Arbeit zu kommen und um die Freundin zu besuchen, auch wenn man mit dem Zug erst noch 60 Minuten durch die Brandenburgische und Sächsische Wildnis fahren musste. Nachdem die erste Firma pleite ging und ich eigentlich fast alles schief ging, bekam ich viel Unterstützung durch meinen besten Freund aus Schulzeiten. Wir besuchten Konzerte ohne Ende und machten ein paar, für unsere Verhältnisse, verrückte Sachen. Immer wieder kam auch das Thema Radtour zu sprechen, da er mit einem anderen Freund aus der Schule schon einige Touren unternommen hatte. Ich war fasziniert von den Geschichten, von den Eindrücken und den Erlebnissen und war immer wieder traurig, dass mir die Zeit fehlte, weil ich in der Ausbildung nicht mal eben drei Wochen frei machen konnte. So blieb der Traum von einer erlebnisreichen Radtour zunächst unerfüllt. Im Winter 2008 brachte ich mir, nachdem ich über das Internet einige Snowboardfilme und Veranstaltungen dieser Art gesehen hatte, das „Brettln“ selber bei, nach und nach bekam ich selbst dann irgendwann die Kurven hin und saß nicht mehr so oft im Schnee. 2009 kam dann die „große Tour“ mit dem Rad, ich wurde gefragt, ob ich nicht mit dem Rad von Berlin nach Usedom fahren würde wollen. Da ich nun Student war und die Semesterferien lang, ging es dann im Sommer los, gen Heimatinsel.

Zwischen Berlin und Usedom
Zwischen Berlin und Usedom

Auf der Fahrt selbst gab es ein paar kleinere Problemchen: mal spielte das Wetter nicht ganz mit, mal war die Navigation nicht das Gelbe vom Ei. Auch mein Drahtesel (eine Baumarktschlampe, salopp formuliert) hatte einmal zicken müssen. Nachdem das Gröbste überstanden war, der iPod-Akku noch voll und man mit der Zeit alles besprochen war, was man besprochen hatte, war man mit einem Mal im Hier und Jetzt. Man nahm die Umgebung wahr, ließ es laufen. Natürlich musste man auch kämpfen, die Uckermark ist nicht flach und wenn man gen Küste fährt, hat man meist Gegen- oder zumindest Seitenwind. Dennoch machte es Spaß, das Erlebnis und die Erkenntnis, man schläft nie ein zweites Mal am gleichen Ort. Da der Kopf leer war, huschten ab und an ungefiltert Geistesblitze umher, ab und an auch unangenehme. Dadurch, dass dieser Gedanke aber nur Temporär war und mir dennoch nichts anhaben konnte, begriff ich diese Tour als eine Form der Katharsis. Auf dieser Fahrradtour gab es einmalige Eindrücke, die sich tief in meinen Gedanken verankert haben, der beste ist der Sonnenaufgang an der Ostsee.

Sonnenaufgang an der Ostsee
Sonnenaufgang an der Ostsee

Zu meinen Praktikumszeiten in München hatte ich zum Glück auch ein Fahrrad, da der ÖPNV dort verboten teuer ist.

Einem geschenkten Gaul...
Einem geschenkten Gaul…

Umso schlimmer war der Lenkerbruch und die einmonatige Bleibe im Speckgürtel von München. Es war ein erhabenes Gefühl, wieder mit dem Rad von der Arbeit heimfahren zu können. Die letzte Unterkunft war das beste, was mir in dieser Stadt hätte passieren können. Die Freiheit, die bayerische Landeshauptstadt so zu erkunden wie ich es wollte, an der Isar gen Süden zu den Bergen radeln (ohne Gangschaltung) und Sonnenuntergänge auf dem Olympiaberg bestaunen zu können, versüßte die Zeit sehr und machte mir die Stadt schmackhafter, als ich sie zu anfangs wahrgenommen hatte.

Sonnenuntergang auf dem Olympiaberg
Sonnenuntergang auf dem Olympiaberg

Zurück in Cottbus gab es nicht mehr viel Zeit für das Radeln, Geld musste für den Lebensunterhalt herangeschafft werden, ich war Animateur, Pizzafahrer und Student. Das Fahrrad blieb Verkehrsmittel Nummer eins, bis zum Diebstahl des Drahtesels, der mich von Berlin bis nach Usedom gebracht hatte. Schade. Ein paar Monate später stand ein neuer da, ein Hybrid aus MTB und Rennrad, auf 26 Zoll. Er fuhr sich bockhart, fühlte sich schnell an, nur das Gelände mochte er nicht. In schwierigeren Zeiten versuchte ich erneut die Katharsis zu finden, die zu Anfangs nicht glücken wollte, weil die Touren zu kurz und die Last auf dem Kreuz zu groß war. Aber ein paar Touren, mit Erkundungen links und rechts des Pfades gab es schon.

Im Hier und Jetzt


2014 (hat vielleicht nicht viel mit dem Jetzt zu tun) gab es nicht nur die WM für einige der Leser hier. Für mich war es unwichtig, dass immer wieder 22 Männer einen Ball traten, da ich eine Freundin hatte. Mein Fahrrad wurde derweil erneut gestohlen, aus einer abgeschlossenen Tiefgarage. Die damalige Freundin trennte sich von mir genau nach dem WM-Finale und hinterließ ein Loch. Da ich mit Hannes öfters über meine Touren mit dem Hybriden gesprochen hatte, dachte er wohl, dass es gescheit wäre mit mir auf seinem MTB, einem Ghost AMR 7500, nach Bärenbrück zu fahren. Vielleicht sah er, dass ich mich freute, für mich war es der Augenblick, ab dem klar war, dass ich wieder aufs Rad musste. Im Herbst habe ich mir dann das erste Rennrad, einen alten Stahlrenner aus den 90ern, gekauft. Die ersten paar Tritte waren, als wenn das Ding fliegen würde. Ein paar Tage später musste ich mich dennoch in Demut üben, ein Schnitt von unter 30km/h fühlte sich nicht so toll an, zumal ich am Ende war. Aber ich hatte Blut geleckt. Ein eigenes Kit hatte ich noch nicht, aber mir wurden immer mehr Strecken gezeigt, wo man lang konnte, meine erste Hausrunde misst 44km. Im April 2015 musste ich mich dann nochmals in Demut üben, denn da stand die erste große Fahrt an.

Berlin -> CB 1st try
Berlin -> CB 1st try

Von Berlin nach Cottbus, an einem Tag, dazu unter Zeitdruck. Ein wenig Kondition konnte ich bereits aufbauen, doch auch hier zeigte sich, dass ich nicht so fit war, wie meine Mitfahrer, Hannes und Julia. Dennoch ging mir vor den Toren Cottbus ein Schauer über den Rücken, da mich die Erkenntnis ereilte, dass ich es geschafft hatte. „Ich habe mit meiner Muskelkraft das Fahrrad und mich bis hierher bewegt. Das war ich.“ Ein paar Monate später wiederholte sich das Spiel, ein gebrauchter Renner wurde in Berlin erworben und auch hier hieß es: „Von Berlin nach Cottbus? Nur mit eigener Muskelkraft.“ Und wieder war ich nicht so fit wie erhofft, zwar fitter, als das die Tour davor, aber es fehlte noch einiges. (Und man sollte nicht zu früh seine Körner verschießen.) Die Woche darauf ging es zur ersten RTF meines Lebens, die mit einem Speichenbruch endete. Durch ein paar andere kleinere Malheure (Stürze mit eingeklickten Füßen, Reifenpannen)hatte ich das Gefühl, mit diesem Rad nirgends anzukommen, ohne das was passiert.

Kleine Tagebaurunde, immer wieder
Kleine Tagebaurunde, immer wieder

Mit Zeit schwand der Gedanke und ich hatte einen kleinen Trainingsplan aufgestellt, an den ich mich mal mehr, mal weniger eisern hielt. Hin und wieder gab es den Satz „Du wirst dich doch jetzt nicht noch aufs Rad setzen. Es ist dunkel und es regnet“.  

Was den Staub anbelangt. Nun, es gab da die Option im Mai 2015 für eine Woche Mountainbike zu fahren, nur stand ich ohne Equipment da. Es wurde viel gerechnet, was sich lohnt, was sinnvoll ist. Es wurde ein Radon Slide, ein Fully. Die ersten Übungsstunden, wie kann es anders sein, gab es in Brandenburg. Dass das MTB härter zu fahren ist, wegen der breiten Reifen und dessen Profil und der Sitzposition, merkte ich vom ersten Moment an. Hannes gab mir Tipps und Tricks und bereitete mich Stück für Stück auf den Urlaub im Mai vor. Es ging nach Reit im Winkl. Ein Urlaub, der mir heute immer noch ein Lächeln auf das Gesicht zaubert.

Das Mountainbike in seinem natürlichen Habitat.
Das Mountainbike in seinem natürlichen Habitat.

Auch wenn Mountainbiken dort nochmal eine ganz andere Hausnummer ist, so war es alle Kämpfe wert, die man mit sich selbst austragen musste, um über den Wolken zu stehen. Um weit ins Tal gucken zu können, um die ruhigen Momente auf dem Weg zum Gipfel und auf dem Gipfel selbst genießen zu können. Die Abfahrten waren auch hier nochmal eine ganz andere Herausforderung, das Fahrtraining zeigte seine Wirkung, auch wenn viele Schritte von mir vorsichtig waren. Man wollte ja in einem Stück wieder in der Unterkunft ankommen. So lernte ich auch, die Berge, die ich sonst auf einem Snowboard hinunterfuhr, nun auch im Sommer oder Herbst zu genießen und musste nicht immer auf das weiße Gold warten oder wandern. Im Brandenburgischen erlebte ich auch einige Stürze mit dem Mountainbike, einmal war eine Rippe wohl lädiert. Es ging auch nach Dresden und Thüringen, wo sich zeigte, dass meine Kondition nicht die schlechteste war, denn mit einem Bekannten konnte ich ohne Mühe mithalten, während dieser offensichtlich im Tunnel und nicht mehr ansprechbar war. Für mich war dies ein weiteres Aha-Erlebnis, auch wenn der Tag darauf, der Bikepark, erneut Demut lehrte, zumal ich fette Kopfschmerzen hatte (keine Sorge, dem Alkohol habe ich bereits lange davor abgeschworen).

Die Tage wurden kürzer und dennoch trieb es mich regelmäßig aufs Rad. Es entwickelte sich eine Trainingsroutine, man spielte sich ein und richtete seinen Wochenablauf danach. Das Equipment wurde immer umfangreicher, bis man selbst spätabends noch Runden drehen konnte. Es half auch hier wieder den Kopf frei zu bekommen. Hier und da wurden neue Eindrücke gewonnen, die man festhalten konnte. Wer sonst sitzt schon abends um 7:30 auf dem Rennrad und fährt in die Abenddämmerung?

Specialized anyone
Specialized in der Abenddämmerung

Die Monate gingen ins Land, der erste Winter ohne viel Schnee, dafür mit vielen Tagen auf den genoppten Reifen, Regenschauern, die einen durchnässten noch und nöcher, mit kalten Fingern und Zehen, mit Momenten, bei denen ich glaubte nicht mehr in den eigenen vier Wänden ankommen zu können. Hannes hat einen aber immer wieder aufgebaut oder zumindest solange getrieben, bis man dann doch vor der Haustüre stand und sich nach dem Bad sehnte. Natürlich gab es auch die schönen Momente, Sonnenuntergänge, neue Routen, neue Leute und ein paar KOMs auf Strava.

Bärenbrück, immer wieder
Bärenbrück, immer wieder

Nun, dieses Jahr, 2016, war zwar auch Ereignisreich, aber auf anderer Ebene. Zum ersten Mal stand ein Radmarathon auf dem Plan, der Spreewaldmarathon. Hier war uns Petrus nicht wohlgesonnen, es gab viel Regen und Gegenwind. Ohne Hannes und andere Freunde wäre die Aktion wohl irgendwann gescheitert. Dennoch wurde bis zum Ende durchgehalten.

Spreewaldmarathon 2016
Spreewaldmarathon 2016

Für Hannes ging es in die USA, für mich ging es, aus privaten Gründen, öfters nach München, ihr wisst schon, meine Lieblingsstadt. Dort brach ich mir auch den Zeh so unglücklich, dass ich fünf Wochen auf jegliches Radfahren verzichten musste. Eine ziemlich blöde Situation: das Fahrrad vor Augen, davor der Kaputte und genähte Zeh, Schmerzen und man konnte nichts machen. Es war vielleicht auch gut so.

Die Kondition war zwar hin, aber dennoch. Wieder auf dem Rad zu sein, das half den

2016, das kann ja nichts werden
2016, das kann ja nichts werden

Frust abzubauen. Zwar schmerzte der Zeh nach einiger Zeit auf dem Sattel wieder, aber er ließ sich überwinden. Da man wusste, wo man war und wie weit man von der Haustür weg war. Wieder in München war ich so intelligent mir nicht noch irgendetwas zu brechen. Die Stadt (zumindest der

Westen), war nicht so nett und freundlich zu Rennradlern. Der Verkehr war hektisch, die Radwege waren, wie immer in fast allen Großstädten, eine Katastrophe. Dennoch war es interessant, für mich neues Terrain zu befahren. Nichtsdestotrotz

Wieder auf dem Rad, mit gebrochenem Zeh.
Wieder auf dem Rad, mit gebrochenem Zeh.

mochte und mag ich diese Stadt und den Flair, den sie abseits der großen Touristenmassen, versprüht, sehr. Wieder in der Lausitz, passierten Dinge, die nicht auf der Agenda standen. Dennoch, die Konstante „Gummi auf Asphalt und Staub“  gaben die Richtung vor. Es nordete mich wieder ein, die Kondition wuchs wieder und man war auf einem Stand, auf dem man sich wohlfühlt.

Heute, tja heute gibt es einen festen Plan. Sei es auf der Rolle, auf dem Mountainbike oder auf dem Renner an der frischen Luft. Man sieht einzigartiges, erlebt viel, treibt das Gefährt unter einem mit eigener Kraft an und vollbringt Dinge, die ein oder zwei Jahre zuvor unmöglich schienen. Der Traum, mit dem Fahrrad die Küste Eurasiens abzufahren ist nicht gestorben, auch wenn das mit einer Zöliakie eine große Herausforderung wird.

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Focus Cayo Disc, DAS Fahrrad

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